Frau Ami hat ganz wunderbar über Brote und ihre Rituale geschrieben.
Auch bei uns war es die Mutter, die die Pausenbrote geschmiert hat. Für uns Kinder war es immer recht prosaisch: Vollkornbrot von der legendären Bäckerei Probst in Walvis Bay mit Leberwurst. Immer nur das. Wir waren und sind ja ziemlich Fleischesser in Namibia und damals war das Käseessen noch nicht so zu uns durchgedrungen. Käse war etwas für Sonntagmorgen. Oder mal der Stinkebrie für den Vater abends. Also Leberwurst. Ich erinnere mich zwar nicht an Obst (auch mit dem Obst hatten wir es in Namibia nicht so), aber ich erinnere mich wohl an die geschmackliche Verbindung, die uneingewickeltes Leberwurstbrot mit Äpfeln in einer Dose eingeht. Also muß es dann und wann doch Apfelschnitzer in der Brotdose gegeben haben.
In meiner Sturm- und Drangzeit den späteren Schuljahren in Swakopmund wohnte ich bei einer älteren Dame, die mehrere Schüler in Pension hatte. Diese Bleibe war direkt neben einer schnuckeligen kleinen Bäckerei (für die insider: Ja, die Priczybilski Bäckerei), so richtig noch mit Holztresen und so urig schön. Jedenfalls war es Usus, daß entweder die Pensionsmutti selbst, oder die ersten munteren Schüler sich den eigens dafür vorgesehenen Stoffbeutel schnappten und Brötchen holten. Und so fing die Zeit an, als ich mit zwei Brötchen als Pausenbrot losmarschierte. Das war nur anfangs lustig und toll. Schnell vermißte ich herzhaftes Brot und die gute Pensionsmutti bäckt das beste Brot in ganz Swakopmund, oder wir tauschten mit den „Heimern“ (Schülern, die im Schülerheim wohnten, da Eltern auf der Farm). Das Pausenbrot der Heimer war zwar pappiges Braunbrot mit einer dünnen Schicht Aprikosenmarmelade, aber irgendwie aßen wir das ganz gern. Und einen Heimer konnte man kaum glücklicher machen, als ein Brötchen an ihn abzutreten.
Wenn meine Mutter, eine grandiose Köchin, auch nicht so viel Einfallsreichtum mit dem Pausenbrot hatte, es war immer von ihr selbst geschmiert und sie stand immer mit uns auf, egal wie früh wir losmussten. Zum Frühstück gab es Rice Krispies oder Corn Flakes, nur Mittwochs, da wurde die Monotonie unterbrochen von Toast mit einem weichgekochtem Ei. Mittwoch war kulinarisch sowieso ein Knaller: Denn Nachtisch gab es obendrein. Auch wenn das meist nur Jelly Pudding mit Dosenobst war.
Aus der frühen Abneigung: Äpfel mit Leberwurstgeschmack, bin ich zur Einwickelqueen geworden. Meist gibt es für meine Kinder pro Nase zwei Scheiben Brot. Eine herzhaft (nein, keine Leberwurst, eher Teewurst oder Salami) und eine süße (an besonderen Tagen Nutella, sonst Honig oder Marmelade) oder mit Frischkäse/Käse. Und die Brote werden separat eingewickelt. Die Apfelschnitzer oder Gurkenscheibchen oder Karottensticks wiederum wandern in ein Plastiktütchen. Alles, damit meine Kinder nicht das Trauma Apfel mit Leberwurstgeschmack übernehmen…
Einmal die Woche gibt es Aufbackbrezeln oder Knack-und-Back Croissants. Die Zwillinge lieben es, einen Rest Milchreis vom Vortag mit zu nehmen. Die Große wiederum mag gern ein Salatblatt auf ihrem Brot. Manchmal backe ich auch extra einen „Schulkuchen“ (Kastenkuchen mit Nüssen und Schokostücken). Und bei gefürchteten Arbeiten gibt es einen Glückbringer. Reingeschmuggelt natürlich. Oder ein Post-It mit einer aufmunternden Botschaft. Kleine Dinge, die sie auch zur Kenntnis nehmen und sich drüber freuen.
Also auch wenn ich vielleicht mehr Kreativität an den Tag lege als meine Vollkornbrot-mit-Leberwurst-Mutter, so ist das Ritual das selbe: Mutter steht in der Küche und schmiert die Brote, während die Kinder Cornflakes oder Müsli löffeln und man kann den Tag mental vorbereiten, akute Sorgen schnell besprechen, an den Turnbeutel erinnern oder das Geld für den Klassenausflug. Dann kriegt jeder einen Kuss und wird in den Tag verabschiedet. Möchte ich nicht missen, auch nicht Erinnerung. Nur den am Morgen binnen Millisekunden aufkeimenden Geschwisterstreit, der kann mir gern erspart bleiben. Aber – waren meine Brüder und ich anders? Das wiederum ist doch auch schon wieder ein Ritual.
Spuren im Sand