Nun geht es also wieder los. Kaum sind die Haare über die Ohren gewachsen, werden sie auf Krampf in einen Zopf gesperrt. Ich komme mir vor, wie früher in der Grundschulzeit. Mama, darf ich meine Haare wachsen lassen? Ja, ich habe in der Tat um Erlaubnis gefragt, die Haare wachsen zu lassen. Und bin prompt 3 Tage später mit “Zöpfen” in die Schule. Meine Mutter hat es zwar immer erlaubt, aber immerhin, ich habe gefragt. Hängt sicherlich damit zusammen, dass wir Schultracht hatten und die Haare ab einer gewissen Länge halt zu einem Zopf binden mussten. Lange oder auch nur längere Haare bei den Jungs gab es nicht. Wurde alles regelmäßig kontrolliert. Auch Schminken und Nagellack war tabu, aber einem gewissen Alter allerdings war wenigstens durchsichtiger erlaubt. Grenzt schon ein wenig an ein Wunder, dass ich mir mit 19 nicht alles gleichzeitig ins Gesicht geklatscht habe…
Na, Frau Ami neidisch? Aber soll ich Ihnen mal was sagen: ich habe schon wieder dieses altbekannte Ziepen am Hinterkopf und meine Haare sind ja nun weiß Gott noch nicht lang.
Ich sehe mich, uns, da in unserer WG am Fuße des Tafelbergs. Die WG bestand aus zwei meiner immer noch besten Freundinnen und mir. Menschen, Partner kamen und gingen. Wir experimentierten mit Männern, Parties, Rotwein, Lernen, Hasch, Unis und dem Leben überhaupt. Manchmal frage ich mich, wie wir da mehr oder weniger heil raus gekommen sind. Es war, wie ich meinen Eltern so gern entgegenhielt, fragten sie mich am Ende des Jahres nach Erfolgen beim Studium, eine Lehre fürs Leben im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waren unseren mehr oder weniger deutsch geprägten Umgebungen und Familien und dem Muff der Regierungsschulen entkommen und genossen nun die große Freiheit, fernab (16 000km entfernt in meinem Fall) der Heimat.
Gleichzeitig war es die Zeit des (politischen) Umbruchs in Südafrika und im südlichen Afrika überhaupt. In die eine oder andere Demo hatte ich meinen großen Zeh gehalten, nur um dann schnell verängstigt zurückzuziehen. Ich war ja auch viel zu naiv und unwissend. Wir waren so behütet aufgewachsen und betrachteten die Dinge mit großer Distanz. Erst Jahre später habe ich kapiert, was da um mich herum, direkt unter meiner Nasenspitze, passiert ist.
Wenn Menschen in einem System gefangen sind, drücken sie es oft in Musik aus. So auch Koos Kombuis. Rückblickend das Aushängeschild südafrikanischer Musik der 90er Jahre. Ich werde es nicht schaffen, Ihnen Koos Kombuis nahe zu bringen, höchstens den Mitlesenden mit einem südafrikanischen Draht, einen backflash zu bescheren. Koos Kombuis ist ein Künstlername. Koos ist ein Allerweltsname wie Peter. Kombuis heißt Küche. Koos Kombuis ist ein Dichter, ein Querdenker, ein Einzelgänger, ein ewig Leidender, ein Barfuß durch den Regen Gehender. Sensibel bis in die Fingerspitzen, ein Filter für die Umstände der damaligen Zeit. Er sang von dem und gegen das “System“. Nicht so richtig öffentlich, stand er doch unter Beobachtung wegen seiner kritischen Äußerungen. Aber auf kleineren Studentenkonzerten in Stellenbosch oder vornehmlich in verruchten, verrauchten Kneipen in Kaptstadt, wo der Rotwein in großen Saftgläsern ausgeschenkt wurde. Wir waren fasziniert von diesem damals noch dürren, ausgemergelten Mann, dem die schmuddelige Jeans um die Hüften schlabberte und der stets eine Wollmütze trug. Noch faszinierter waren wir, als ich ihn mehrfach in unserem Corner Cafe sah, wo er sich einen halben Liter Milch holte und an der Straße in einem Zug austrank. Er lebte in der gleichen Straße wie wir, da wo die Straße sich steil den Lion’s Head hochschlängelte…
Und nun kommt mein größtes Dilemma: Er hat ein wunderschönes Lied geschrieben, das genau diese Atmosphäre der späten Achtziger und frühen Neunziger in Kapstadt in sich hat. Und ich finde kein vernünftiges Video, das ich hier einstellen kann. Das Lied, “Lisa se Klavier”, ist für mich eines der schönsten Lieder überhaupt. Er steht in dem Lied auf Lisas Balkon, mit einem Aprikosentee in der Hand und schaut raus in die dunkle Kapstädter Nacht, den Tafelberg, das schwarze Meer, die Lichter in der Dunkelheit und Lisas Klavierspiel dringt hinaus auf die Straße, auf der die Obdachlosen (hier “Bergies” genannt, von wegen “die am Berg lebenden”) tanzen. Und Lisa kann nicht aufhören zu spielen. Wenn ich dieses Lied höre, stehe ich wieder auf dem Balkon in Tamboerskloof und schaue raus in die dunkle Nacht, auf den angestrahlten Tafelberg. Am nächsten Morgen werde ich geweckt vom durchdringenden Aufruf zum Gebet vom Signal Hill für das nahegelegene Malay Quarter. Und ich bin wieder 20 oder 21 Jahre alt und bin verwirrt vom Leben, verworren, habe alles vor mir und schon vieles hinter mir. Habe meine besten Freundinnen und Freunde, meine Menschen, die mir noch so viel bedeuten werden im Leben um mich herum und trotzdem - bin ich allein.
So gern ich hier eine schlechte Version von “Lisa se Klavier” posten würde - ich würde das schöne “Lisa se Klavier” raushören, aber nur, weil ich es eben kenne - hier nun ein aktuelleres von einem zur Ruhe gekommenen, fülligeren Koos Kombuis zusammen mit dem Niederländer Stef Bros. Sie hören Afrikaans und Sie spüren vielleicht ein wenig Afrika. “Avondland” (Abendland), die toekoms lê in Afrika. Die Zukunft lieg in Afrika.
Spuren im Sand