Angeregt durch die Erlebnisse mit zwei Kleinkindern bei June, schreibe ich dieses.
Liebe junge Mütter,
lasst es Euch von einer alten erfahrenen Mutter sagen: Es geht schneller um, als frau meint. Die Zeit, immer wieder die Zeit. Ihr steckt so mittendrin in wickeln, stillen, Fläschchen geben und Rotz abwischen. Ihr werdet um den Schlaf gebracht und verzweifelt, wie schnell die Stunden verfliegen, ohne etwas Konstruktives geschafft zu haben. Ihr schlagt Euch durch Erziehungs- und Schlafratgeber und seid am Ende doch nicht schlauer. Immer auf der Suche nach der ultimativen Antwort, dem Rat, der Euch die Sorgen und Nöte abnimmt.
Nun lasst Euch mal erzählen, wie es bei mir “damals” war: Ich hatte ein quirliges, lebhaftes, leicht eigenwilliges knapp über ein Jahr altes Mädchen, als sich die Zwillinge ankündigten. Ihr könnt Euch vorstellen, dass es mit einem verschluckten Walroß Zwillingsbauch bei weitem anstrengender ist, eine dann Eineinhalbjährige bei Laune zu halten.
6 Wochen nach Geburt der Zwillinge wurde die Große zwei. Fast ein Jahr hatte ich also 3 Wickelkinder. (Ja, die Große wurde relativ spät “trocken”, ich habe es aus Zeitmangel – ach ja? – einfach versäumt). Das war die Phase, in der Ihr jetzt seid. Die Zeit des ewigen Schlafmangels. Die Zeit, in der ich, hatte ich jemand, der/die auf die Brut aufpasste, mir Ohrenstöpsel reindrückte bis zum Anschlag und dennoch hypernervös jedes leichte Ein- und Ausatmen der Kinder mitbekam. Und nur extrem schmerzende Ohren und trotzdem nicht geschlafen hatte. Ich muss ziemlich unausstehlich gewesen sein in der Zeit.
Wir wohnten damals in einem Reihenhaus mit einer Hühnerstall-ähnlichen Treppe und der Gang zwischen Schlafzimmer und Zwillingszimmer war schmal, sehr schmal. Wenn ich des nachts zwischen den Zimmern hin und her taperte, hatte ich immer diese Vision, dass ich im Halbschlaf diese Treppe runterknalle, unten an dem scharfkantigen Schuhhalter mir den Kopf aufschlitze und tot bewusstlos liegenbleibe. Deshalb habe ich mich stets mit einer Hand an der Wand lang getastet. Eine der vielen Klatschen, die man mir aus dieser Zeit nachsagt.
Es war anstrengend, es war schlaflos, es waren Berge und nie enden wollende Berge von Wäsche, es waren gefühlte tausend Fläschchen, die ich jeden Tag zubereitete, es waren harte Placken angetrockneter Griesbrei auf dem Küchenboden, es war zu wenig Zeit mit dem Mann und Streit in Erziehungsfragen mit den Schwiegereltern, es war Geschrei und immer dieses Gefühl ich kann nicht mehr. Ich kann wirklich nicht mehr. Und doch ging es immer weiter, dieses Karussell.
Es drehte sich sogar noch wilder, oder setzte manchmal komplett aus, das war schlimmer. Ein Aussetzer in unserem Karussell, war mit Sicherheit die Hydrocephaluserkrankung des Tochter-Zwillingskindes, als sie ein halbes Jahr alt war. Eine zusätzliche Sorge. Aber auch der Zeitpunkt, an dem ich, wir, uns als Familie und die Kinder insbesondere, besonders zu schätzen lernten. Einfach mal den Moment, in dem alles so (halbwegs) stimmt, genießen. Ihn festhalten und speichern für später.
Diese intensive Zeit hat ihre Spuren bei mir hinterlassen. Später, als die Kinder schon etwas größer waren (die Große 3,5 und die Zwillinge 1,5) hatte ich eine Phase. Eine Phase, wo ich grundlos anfing zu weinen und nicht aufhören konnte. Ich erinnere mich noch genau an eine bestimmte Situation beim samstäglichen Frühstück: Alle sitzen am Tisch, die Kinder essen mehr oder weniger erfolgreich selbst, es läuft eigentlich ganz gut, klar – chaotisch, schmierig, laut und hektisch ist es, aber gemessen am Alter der Kinder, läuft es ganz gut. Und plötzlich fängt der Tisch an zu wanken, das Eßzimmer dreht sich, Kakaotassen kippen um, Kinder schreien in den höchsten Tönen und alles verschwimmt vor meinen Augen. All das ist nicht wirklich passiert, aber ich hatte diese “Zustände”. Bin heulend aufgestanden und habe mich über Stunden nicht beruhigt. Mein Mann war ratlos, meinte immer nur auf mein gestammeltes es ist alles zu viel, zu schlimm, zu laut! Aber das Schlimmste haben wir doch schon geschafft.
Es war mir in meinem Anspruch jedoch nicht genug, das Schlimmste schon geschafft zu haben. Ich kam mir ungenügend vor. Und das obwohl ich von meinem Umfeld in den höchsten Tönen gelobt wurde. Für meine gute Organisation und für meine ruhige Ausstrahlung. Die können nicht mich meinen, dachte ich immer nur. Und heute weiß ich genau: das WAR ich, ich hatte alles gut im Griff, ich war gut organisiert, habe mir viele und die richtigen Gedanken gemacht. Es war der beste Tag, an dem ich alle Erziehungs- und blabla Ratgeber in einen Karton gepackt habe und angefangen habe, mit meinen Kindern zu leben.
Und jetzt sitze ich hier, es ist alles still, die Große ist auf dem Gymnasium, die Zwillinge reihum Klassensprecher und gerade gestern hat mich die Lehrerin angesprochen, weil die beiden so eine gute soziale Kompetenz haben. Ich habe es gewuppt. Ich habe sie groß bekommen. Ich habe sie sogar gut groß bekommen. Ich habe getan was ich konnte und tue es immer noch. Es ist meine Rolle, die ich lebe, die Mutterrolle. Die Tage gehen so schnell und reihen sich zu Wochen, Monaten, Jahren. Versucht, sie festzuhalten und zu genießen. Ihr macht es alle gut. So gut wie man frau es eben kann.
das hast du sehr, sehr schön geschrieben. und ich weiß was du meinst. wenn ich manchmal bei frau june oder frau ami das “empfundene chaos” zwischen den zeilen lese, möchte ich ihnen am liebsten zurufen: “es ist so schnell vorbei! haltet durch!” aber ich weiß auch nur noch zu gut, wie man sich manchmal fühlt… und noch sind meine nicht “auf dem gymnasium” ;-) daher kommt die überforderte mama manchmal (aber immer seltener) wieder zurück.
ich bewundere immer wieder solche mütter wie sie. zwei und mehr kinder in einem so geringen zeitabstand. momentan kann ich nur von einem kind reden, daß morgen zwei wird. und es gibt tage da denke ich mir, jetzt noch ein zweites oder drittes kind dabei, wie schaffen das nur andere. und dann kommt ein ehrfurchtsgefühl in mir hoch, in dem ich vor allen müttern, wie ihnen, meinen hut ziehen möchte.
bei mir werden es vorraussichtlich zwei jahre und vier monate sein, die die (nur) zwei kinder voneinander trennen und somit bin ich mir sicher, werde ich nur halb so viel organisationstalent benötigen wie andere. jedoch wird es auch viele phasen geben, in denen mir scheinbar alles zu viel zu werden droht. ich denke es kommen solche zeiten immer, und ob es nun ein, zwei, drei oder mehr kinder sind, in diesem moment reicht es einfach und man fühlt sich hilflos, unfähig und am ende. aber es geht weiter, und es geht irgendwann wieder besser und es kommen zwischendurch ja auch diese einfach wundervollen momente, die ich dank ihres posts versuche noch mehr zu genießen. denn trotz schlafmangel, erschöpfungszuständen und allem anderen werden diese zeiten niemals wieder kommen und dessen muß man sich einfach bewußt sein!
vielen dank für ihre tollen, aufrüttelnden worte!
Also ich kann kann – jetzt ganz kurz und knapp, da wir packen müssen – sagen, dass es schon nach 1 Jahr wirklich besser und einfacher und entspannter wird. So sehr, dass man schon anfängt über Nr. 3 nachzudenken bzw. dass ich ab dem Herbst einmal die Woche auf noch 2 Kinder (3 und 5) aufpassen werde. Dass wird.
DAS wird. Ein s zu viel …
Danke für diesen schönen Text und die lieben Worte. ;o)
Wenn ich Ihren Beitrag lese, weiß ich nicht, ob ich noch mehr Angst haben soll vor weiteren Kindern oder ob ich mir denke, siehst Du, es geht alles schnell, viel zu schnell, vorbei…aber das Dazwischen…das ist schon so der Hammer, dass sich manchmal der Tisch dreht und man nicht mehr weiß, wo oben, unten, vorne oder hinten ist und das macht mir Angst…Aber schön geschrieben haben Sie das…bin gerade in schlechter Stimmung, sonst wäre ich wohl dem motivierendem zugeneigter gewesen, als dem demotivierendem ;-)
Hallo liebe Frau Düne Sieben, schon so lange lese ich hier still mit, aber heute muss ich mich einfach melden und “Danke” sagen für Ihren ganz wunderbaren Eintrag heute.
Ich habe zwar “nur” einen Sohn, der heute schon 17 ist, aber einiges kommt auch mir bekannt vor ;-)) :-))
Sie haben eine tolle Gabe, Gedanken in Worte zu fassen und ich werde hier weiter sehr gern lesen.
Ich wünsche auch Gute Besserung (auch ich hatte diese OP vor nunmehr 2 Jahren) und hoffe, dass Sie nun alles überstanden haben.
Ganz liebe Grüße, Helga
Danke!
Noch einen Absatz mehr und ich hätte angefangen zu heulen…
Ich bin jetzt in der Frühstückstisch-Heulphase, schon das 2.Mal und ich muss/kann/will Dir recht geben, es geht schneller vorbei als man denkt und als es einem lieb ist. Ich sehe es gott sei dank an meiner Tochter, gott sei dank, weil es ein kleiner Halt ist, wenn der Hosenscheisser mir mal wieder die letzte Fassung raubt.
Es läuft und es geht weiter und so muss es wohl sein.
lg jo
da kullern bei mir tränen, einfach so.
*danke*
vielen lieben dank. sowas braucht
manfrau einfach mal, vorallem von jemanden der es wissen muss.*danke* sagte ich das schon? vielen lieben dank! ;-)
danke… das tut gut zu lesen.
Obwohl ich ja sehr viel glück habe mit Felix, da er recht ruhig ist, gibt es trotzdem diese Momente…..
Daher liebe ich ja diese Bloggerwelt. Hier erfährt man, dass man nicht alleine ist und bekommt so schöne Beiträge zu lesen, die einem wieder Mut machen! :-))
Den Beitrag werde ich gut in Erinnerung behalten. Für (”hoffentlich”) zukünftige *hilfe!wiegehtsweiteranfälle!*. ;-)
Vielen Dank!
Und ja, mir ging es da beim Lesen wie Jo: Noch ein Absatz und ich hätte gekniepert. :-)
Na super, jetzt heul ich! Vielen Dank für diese schönen Worte. Und gut zu lesen, dass man auf einem guten Weg ist- auf dem Weg das Leben genießen!
NeinNeinNein – ich will nicht bewundert werden, ich bin eine Mutter wie Millionen andere auch. Ich habe es mir nicht ausgesucht, drei Kinder zu haben. Das Leben und das Schicksal hat mit mir gespielt, wie es mit uns allen spielt.
Ich habe viele Fehler gemacht und mach immer und immer wieder Fehler mit den Kindern. Ich weiß auch, dass zwar die gröbste Arbeit vorbei ist, dafür wird es jetzt auf andere, vielfältigere Weise schwieriger. Feingefühl und Einfühlungsvermögen brauche ich jetzt in großen Tüten auf Vorrat für die Pubertät… ;)
Weise Worte, die mich an die ersten Wochen mit 3 Kindern erinnern.
Sie treffen es auf den Punkt und ich kann heute mit einem klitzekleinen Lächeln an die ersten Wochen zurückdenken und meine Kinder genießen.
Es ist doch alles nur eine Phase ;-)
Ich tippe und lösche und tippe und lösche. Eigentlich will ich nur sagen, dass ich es genauso empfinde. Auch wenn ich nicht in die große Liga mitspiele und “nur” ein Kind habe.
ich habe vier innerhalb von 6 Jahren und habe das riesen, super duper, palim-palim Glück, mir den Tag mit meinem Mann zu teilen. also konnte man immer mal ein Kind auf einen anderen Schoß setzen oder mußte nicht immer selber bei jedem Geschrei laufen. Allerdings glaube ich, dass die Pubertät schlimmer wird als das Kleinkindgeschrei. Ich hoffe, man wächst da rein ……..
@dünesieben: mit solchen Artikeln sind dir die nächsten 40.000 Besucher sicher..:-)
lustig. ich habe glaube ich erst gestern oder vorgestern an ihre worte vor ein paar monaten gedacht, als sie schrieben: alles wird besser und geht vorbei. und wie recht sie haben! morgen wird lilly ein jahr alt und ich habe das gefühl: das schlimmste haben wir hinter uns. sie schläft durch und das ist tatsächlich die hauptsache: ohne schlaf ist der mensch nichts, ausser ein nervliches wrack:)
(ich hoffe, ich bekomm das auch mal gesagt, dass ich das alles richtig mache. das war und ist sicher ein tolles gefühl – herzlichen glückwunsch:)
Danke.
Ach wie schön, das liest sich toll. Danke für den schönen Moment des Innehaltens im täglichen Stress, den Du mir gerade beschert hast!
Bin zwar keine “junge” Mutter mehr (die leiben Plagen sind 9 und fast 6),aber trotzdem “danke”,liebe Frau Düne
hi,
ich habe gerade mit Rührung deine story gelesen und finde es einfach nur toll wie du alles gemeistert hast. dafür bekommst du von mir die goldene MUTTER-KIND Trophäe :-)
ich habe gerade mal eine kleine maus die 6 monate alt ist und ich beschäftige mich gerade mit dem Thema:
wie groß soll der altersunterschied zum nächsten kind sein?? und bekomme ich es geschafft??? Und da steht natürlich noch im Raum, dass ich einen kaiserschnitt hatte und somit eh im 1. jahr nicht schwanger werden darf. Aber so früh war es eh nicht geplant.
alles liebe schicke ich eure Familie und mach weiter so
Nicole und Mila ( 6monate)
Deine schönen Gedanken haben mich heute den ganzen Tag über begleitet und wenn mich mein Großer (4undeinbisschen) nicht gerade an den Rande des Nervenzusammenbruchs getrieben hat, so habe ich meine zwei Süßen (14 Monate und 4undein…) heute richtig bewusst genossen.
Danke!
Das liest sich sehr wunderbar, liebe Frau Düne.
Und in meinem Zweifeln in den letzten Tagen, ob ich wirklich noch weitere Kinder will bestärken Sie mich mit diesen Worten in meinem Wunsch. Ja, es ist eine Herausforderung. Eine Riesen Herausforderung. Aber wohl eine der wunderbarsten Herausforderungen, die man sich nur denken kann.
ganz ganz schön gesagt:-)
Danke!
Sehr schön zu lesen ist dieser Beitrag! Danke. Meiner Erfahrung nach ist es im 1. Jahr am Schlimmsten,(anstrengend ist es später auch noch – keine Frage) aber es wird wirklich besser! Und man muss sich halt des öfteren bewusst das Positive und Schöne raussehen.
Echt super geschrieben ! Macht Mut und ich bin zum Glück in der Phase (die Zwillinge sind jetzt gute 3 Jahre alt) in der ich mehr geniesse als aushalten muss. Es wird schon jetzt besser und ALLE älteren Leute rufen mir auch immer zu, das ist die schönste Zeit, geniessen sie sie ! Und das tue ich ! Sollten alle Mütter tun, jede Zeit hat doch auch sein gutes !
Vielen Dank für die schönen, rührenden Worte !
twinmom
Danke für den schönen Text.
Da siehste mal wieder, was uns so bewegt. Fast wäre die Linie “ge-crashed” hier, soviel hast Du mit Deiner Meinung bewirkt!