Archiv für September 2008

Abgeschlossen

Da wir morgen einen 20. 2x 10. Geburstag feiern, ist das Haus durchzogen von Kuchenduft, dem Rascheln von Geschenkpapier und Heimlichkeiten. Muddern ist wie immer leicht sentimental. Ich denke an „heute vor zehn Jahren“.* Und das Zimmer, in dem sich der vorbereitete Kerzenbogen, die eingepackten Geschenke, fertige Kuchen und andere Geburtstagssachen befinden, ist abgeschlossen.

* Ich war bis zum bersten hochschwanger am Ende der 38. SSW, hatte einen doppelten Entbindungscocktail intus und konnte nicht mehr liegen-stehen-sitzen. Essen ging auch nur noch, indem ich mir auf der Couch hockend, einen niedrigen Tisch zwischen die Beine zog, einen Ellenbogen auf den Oberschenkel stützte (zur Balance!) und dann das Essen reinschaufelte. Die Kinder hatten ein gutes Geburtsgewicht (wie man mir mehrfach versicherte, am Ende fand ich 2400g und 2800g dann ok, aber sie lagen schon unter dem geschätzten Gewicht), ich hatte die Kotzeritis (nicht wegen dem Entbindungscocktail), konnte nichts mehr bei mir behalten und war so ziemlich am Ende. Rückblickend war es nicht dramatisch, aber jede Schwangere kann dieses „ich halte es nicht mehr aus-Gefühl“ nachvollziehen. Die Zwillingsschwangerschaft war denkbar positiv verlaufen, nicht umsonst nannte mich meine Frauenärztin damals ihre „Vorzeigeschwangere und das trotz Zwillingsschwangerschaft“. Kurz und gut – ich hatte fertig.

(Ich glaube, ich muss meine Schwangerschaften und Entbindungen mal irgendwo aufschreiben. „Damals“ gab es ja Blogs noch nicht, beziehungsweise waren sie mir gänzlich unbekannt.)

Was koche ich an einem Montag?

Von namibischer Hand gekocht, trotzdem norddeutsch as norddeutsch can be: Steckrübenmus mit Kochwurst. Da schlagen in meinen Kindern die echten Schleswig-Holsteiner durch – sie lieben es!

Ich will das nicht

Diese Anrufe Ich will nur mal was klarstellen, DEINE Tochter hat dieses und jenes gesagt und getan und MEINE Tochter ist darüber sehr aufgebracht bei mir, wenn ich von gar nichts weiß. Dieses sofort reagieren müssen, in Sekundenschnelle eine Situation herstellen, wie was gewesen sein kann. Warum können die pubertierenden Zicken Mädchen das nicht unter einander regeln und wenn DAS nicht geht, die Mütter bitten zu intervenieren, wenn ich auch informiert bin über den (angeblichen) Sachverhalt? Und wenn man mir nur sagen will, dass das Kind (also das andere Kind) sehr aufgebracht ist, warum dann so ein Theater machen? Außerdem darf ich bitteschön nichts dazu sagen, denn Du weißt ja gar nicht wie es war, aber MEINE Tochter hat es mir ganz genau erzählt, (aha!) sondern soll meine Tochter den Löwen zum Fressen ausliefern, oder wie?

Meine Kinder haben noch nie zu mir gesagt Mama, ruf du da mal an und regel das. Klar, wir reden über Probleme und wenn ich das Gefühl habe, dass meinen Kinder etwas zugeschoben wird, wofür sie nicht (in DEM Maße) verantwortlich sind, dann überlege ich, schlafe eine Nacht drüber, rufe an und frage ob ich vorbeikommen kann und wenn das nicht geht, kläre ich es am Telefon.

Es hat nie ein Kind komplett alleine schuld. Es ist meistens eine Verkettung. Manchmal steht das eigene Kind aktiv am Anfang einer negativen Kette und setzt etwas in Gang, manchmal ist es am Ende und muss einstecken und hat aber auch zu Stimmungen und Schwingungen beigetragen (und jetzt sagen Sie nicht, da schwingt noch nichts, sie pubertieren, die Mädchen, da liegt vieles unausgesprochen in der Luft und die Blicke hört man fast zischen!) und manchmal ist das Kind in der Mitte, so mittelaktiv. Und das als Mutter nun GENAU zu wissen, was das Kind wann gemacht/gesagt/geguckt hat, das kann ich einfach abnehmen.

Meine Kind ist kein Lamm. Aber ich möchte die Chance haben, meine eigene Meinung zu bilden. Und Streßschweißringe bis zur Taille an einem Donnerstagnachmittag um kurz nach 3, nur weil da jemand kurz was klartstellen will – das will ich nicht.

(Ja, Frau Ami, das ist die Kehrseite der Pubertät, auf die Sie sich so freuen!)

Wasser, Wind, Wüste

Wer tolle Fotos sehen möchte von Kitern, Windsurfern, karger Wüste, einem ghosttown, wilden Pferden, grünem Wasser und bunten Häusern, der klicke bitte hier. (Speed Challenge in Lüderitz, Namibia.) Die Geduld beim Laden der Seite zahlt sich aus und drücken Sie ruhig auf Vollbildmodus.

(Vorsicht: HeimFernweh garantiert!)

Warum Horror?

Gerade heute Morgen habe ich es wieder gelesen „bald fängt der Horror Geschenkekauf an“! Wir haben Ende September und vielen „graut“ es schon jetzt vor der Advents- und Weihnachtszeit. Und das will irgendwie nicht in meinen Kopf.

Sicherlich ist man viel beschäftigt, die Kinder wollen beschenkt werden, die Verwandtschaft auch, der Mann ist ja geschenketechnisch eh immer so ein Problem… Und dann die vielen Weihnachtsfeiern, die Konzerte und Feiern der Kinder – aber stressig, richtig stressig finde ich es nicht. Unsere Kinder waren während der gesamten Grundschulzeit im Schulchor. Und auch da gibt es das obligatorische Weihnachtskonzert (ich berichtete hier). Gnadenlos überfülltes Lokal, übersüßer Stollen, oft noch eine Veranstaltung, die sich direkt anschließt oder vorangeht, aber trotz allem Kitsch und aller Abgedroschenheit geben mir diese Veranstaltungen doch eine Ruhe, eine Feierlichkeit und einen Frieden. Und es gehört dazu.

Gestern habe ich festgestellt, dass das diesjährige Grundschulchor Weihnachtskonzert ohne uns stattfinden muss. Und damit geht eine Ära zu Ende. Die Zwillinge werden im nächsten Jahr in der weiterführenden Schule sein und aus ist’s mit Konzert im nahe gelegenen Dorfkrug. Und wieder lande ich bei einer meiner Weisheiten: Die Zeit mit den (kleinen) Kindern ist so kurz! Hören wir auf, diese nur als stressig zu empfinden und genießen wir sie lieber.

Und was das Schenken angeht: Wenn es so ein Horror ist, für die eigene Familie etwas zum freuen auszusuchen, machen wir in unserer materiellen Welt nicht etwas Grundlegendes verkehrt? Klar bereitet es schon manchmal ein wenig Kopfzerbrechen, vor allem wenn man zwei oder drei oder mehr Kinder hat und – wie ich – sehr gerechtigkeitsbewusst ist und möchte, dass alle Kinder ungefähr in dem gleichen Wert beschenkt werden. Aber es sind oft die kleinen Freuden, die den großen Knalleffekt bringen. Unsere Kinder haben vor einigen Jahren jeder eine in letzter Minute gekaufte 1-Euro-Ikea-Taschenlampe bekommen. Und das war der Knüller überhaupt und hat alles Playmobil usw. ausgestochen. An dem Heiligabend lag tatsächlich etwas Schnee, mein Mann ist mit den Kinder raus in die Dunkelheit und sie haben mit ihren Taschenlampen im Schnee Weihnachtsmannspuren gesucht und abends unter der Bettdecke rumgeleuchtet. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt: Es müssen nicht immer die großen Sachen sein.

So, das wollte ich nur mal kurz loswerden. Und ich schreibe es mir auch gleich mal selbst wieder hinter Ohren: entschleunigen. Vor allem in der Weihnachtszeit.

Was koch ich heute?

Da noch ruhig gestellt, ist mein Bewegungsradius stark eingeschränkt. Viel lesen, quality time mit dem Kater, möglichst wenig stehen und auch nicht so viel sitzen. Sprich: Ich liege auf der Couch und überlege, was ich essen kann! Vor allem, weil die letzten Tage essenstechnisch mau waren, beziehungsweise ich wenig bis gar keinen Appetit hatte und nur aus Vernunft gegessen habe, meldet sich jetzt die Fresslust der Appetit wieder. Die Kindelein haben auch etwas darben müssen in der letzten Woche, meistens haben sie sich auf die Schnelle „einen Toast gemacht“ oder griffen zum Müsli.

So gibt es heute etwas, was schnell zu kochen ist, bzw. ich nicht so lange stehen muss,  die Kinder gern essen und zum Wetter (Regen! Grau! Kalt!) passt: Putengeschnetzeltes mit Grießklößchen und Gemüse. Welches Gemüse entzieht sich bisher noch meiner Fantasie. Ich neige zu Rotkohl (siehe Wetter!). Vorteil am Rotkohl: muss nur aus der Froststarre geweckt werden. Nachteil: die peniblen Kinder. Da ich mit den Grießklößchen in der Rezept-Familien-Kiste grabe, ist mir das einen Post wert. Diese Grießklößchen hat meine Mutter von ihrer Mutter übernommen. Meine Großmutter stammte aus Pommern. Sie war eine ganz großartige Frau. Ich habe lebhafte, tolle Erinnerungen an sie, obwohl sie verstorben ist, als ich erst acht Jahre alt war.

Es geht mir oft so, dass ich ein familienüberliefertes Rezept koche und dabei schweifen meine Gedanken ab, zu den Ursprüngen des Rezepts und es fasziniert mich, über wieviel Jahr(zehnt)e sich manche Rezepte halten.

Wir essen Grießklößchen meistens als Beilage zu Fleisch. Zu Gulasch, Braten, oder eben wie heute, einem Putengeschnetzeltem. Man kann das Rezept auch zu einem süßen Gericht umwandeln: Zum Beispiel mit Zimt und Zucker und Apfelmus.  Da das Rezept eine große Menge ergibt (als fünfköpfige Familie essen wir gut zwei mal davon), friere ich meist die Hälfte sofort ein. Eignet sich, in Scheiben geschnitten, prima zum Aufbraten in der Pfanne. Vielleicht sogar einen Tick besser, als als Beilage!

Hier nun das Rezept für Grießklößchen alà DüneSieben:

  • 3/4 – 1 l Milch
  • 25 g Butter
  • Prise Salz
  • etwas Muskat
  • 300g Grieß
  • 2 Eier

Die Milch mit Butter, Salz und dem Muskat zum Kochen bringen. Grieß langsam reinrieseln lassen, aufkochen. (Rühren! Rühren!) Vom Herd nehmen und die beiden Eier unterrühren. Abkühlen lassen. Klöße formen, die Klöße nicht zu groß, nichts ist schlimmer, als so ein riesiger Kloß auf dem Teller. Im siedenden Salzwasser garen, bis sie oben schwimmen. (Beim Formen der Klöße nicht verzweifeln, immer schön zusammendrücken, sie „kleben“ beim Sieden zusammen.)

Edit: Mit bemehlten Händen die Klöße formen, sonst werden Sie mich verfluchen!

Was ist denn nun so anders in Namibia? (1)

Von außen sieht man ja nichts. Meine Hautfarbe ist weiß, ich habe (glatte) braune Haare, blaue Augen, einzig die vielen Sommersprossen sind vielleicht nicht so typisch deutsch. Sogar hören tut man nichts. Inzwischen nicht mehr, zumindest. Ich habe von klein auf Deutsch gelernt, ich denke, fühle und liebe in Deutsch. Das war mal kurz anders, ein oder zwei Jahre vielleicht, als ich in Kapstadt gelebt und dort gearbeitet habe und sehr viel englischen Umgang hatte. Ansonsten aber ist Deutsch eindeutig meine Muttersprache. Ich spreche zwar auch noch fließend Englisch und Afrikaans und verstehe und spreche ein paar Brocken Herero und Ovambo, aber wirklich können – leider nicht.

Wenn man es negativ ausdrücken will, kann man sagen, dass ich unter einer Glasglocke aufgewachsen bin. Positiv gesehen (und ich bin ein positiver Mensch) habe ich das beste von mehreren Welten und Kulturen in mir vereint. Und so werde ich, angesichts der Tatsache, dass man „von außen nichts sieht“ oft gefragt, was denn nun so anders in Namibia ist.

Als ich geboren wurde, war mein Geburtsort Walvis Bay noch zu Südafrika zugehörig. Namibia (oder besser gesagt damals noch Südwestafrika) war der verlängerte Arm von Südafrika und es begannen die Jahre des erbitterten Kampfes um dieses Land. Ich habe davon nicht viel mitbekommen. Nur wenn Besuch aus dem „Inland“, also Farmer, bei uns zu Besuch waren und erzählten, was sie „gehört und gesehen“ hätten, dass sie sich langsam auf ihren entlegenen Farmen bewaffnen müssten und die Gefahr immer näher käme, beschlich mich ein unheimliches Gefühl. Politik wurde bei uns zu Hause nicht totgeschwiegen. Zumindest hatten meine Eltern eine politische Meinung, die sie auch kundtaten. Eine Seltenheit unter deutschen, weißen Namibiern, die oft heute noch nicht wissen, wo sie sich positionieren sollen – ob nun patriotisch mit dem neuen Namibia, oder doch lieber nichts verscherzen mit der „deutschen Heimat“? Aber ich hatte – um gleich vorweg eine DER Frage überhaupt zu beantworten, die mir immer wieder gestellt wird – keinen Kontakt zu schwarzen Kindern. Punkt. Das war einfach so. Hier die Weißen, dort die Schwarzen. Weiße Schulen, weiße Kindergärten, weiße Krankenhäuser. Wir kannten es nicht anders. Und haben es nicht hinterfragt. Was mich aber nicht davon abhielt, in den Ferien, wenn unsere (schwarze) Haushaltshilfe ihre Kinder mit zu uns brachte, mit ihrer Tochter Emma ganz herrlich zu spielen. Die Verständigung war etwas schwierig, aber Kinder brauchen nicht unbedingt die gleiche Sprache zu sprechen, um viel Spaß mit einander zu haben.

Jedenfalls war es ein unbeschwertes Aufwachsen, dort an dem rauen Atlantik. Ich bin in einen deutsch-evangelischen Kindergarten gegangen, mit deutschen Kindergärtnerinnen. Nur der „Putzjunge“, Silas, war schwarz wie die Nacht. Nach einigen Jahren Putzens und zwecks mangelnder ausgebildeter Kräfte, ist er sozusagen zum Kindergärtner aufgestiegen. Silas wohnte hinten auf dem Gelände des Kindergartens. Es bereitete mir jedes Mal kräftiges Herzklopfen, sich diesem Zimmer zu nähern (was wir nicht durften) oder gar mal einen Blick rein zu werfen (was strengstens untersagt war). Sein Bett stand auf Backsteinen, damit der Tokolosh keine Chance hat. Das kleine Zimmer war ziemlich zugekruschtet, es hingen Poster an den Wänden, es hatte einfach etwas verruchtes, in das Heim eines Schwarzen zu schauen. Silas war die Seele und Stütze des Kindergartens, noch heute nennt er meine Brüder und mich bei unseren Spitznamen und bei längeren Aufenthalten bei meinen Eltern mit meinen Kindern, sind sie (meine Kinder) als Gastkinder auch dort „zu Silas“ und haben ihre Rucksäcke an den selben Entenhaken gehängt, so wie ich vor über 30 Jahren meine Kindergartenledertasche. Kindergärnterinnen mögen in dem Kindergarten gekommen und gegangen sein, Silas hingegen ist eine Konstante.

In diesem Kindergarten wurde der Grundstock meiner bisherigen deutschen Erziehung erweitert. Ich lernte die klassischen deutschen Kinderlieder und kleine Gedichte. Wir feierten Ostern, Advent und Weihnachten. Nein, Silas machte nicht den Weihnachtsmann, zu Weihnachten hatten wir immer schon längst Sommerferien, als Abschluss des Kindergartenjahres kam der Nikolaus und der war bitteschön weiß und deutsch. Wir bastelten die typischen kleinen Dingelchen, wie hier wohl zeitgleich auch, nur fehlten uns halt Kastanien und Co. Stattdessen gab es Muscheln, Borsten von Wildschweinen, Perlhuhn- und Flamingofedern. Oder die Früchte der Makalanipalmen.

Wir hatten eine große Rutsche im Kindergarten, abgesehen natürlich von Spielgeräten draußen. Zumindest kam mir diese Rutsche immer sehr groß und hoch vor, als ich vor ein paar Jahren mal wieder in dem Kindergarten war, folgte die Ernüchterung. Es war an Tagen, wo der Sandsturm besonders schlimm wütete, wir nicht raus konnten und mit einer Kindergärtnerin nach oben gingen und einzeln runterrutschten. Unten stand – na, wer wohl? – Silas und fing uns auf.

In diesen deutsch-evangelischen Kindergarten gingen hauptsächlich deutschsprachige Kinder. Aber auch ein kleiner Anteil von englisch- und afrikaanssprachigen Kindern war dort. Diese Institution Kindergarten ist ja etwas ganz Deutsches, im südlichen Afrika gab es sonst die Alternative „Pre-School“ oder (afrikaans) „Kleuterskool“. Ich hatte einen kleinen Freund, Frikkie, ein Afrikaaner mit feuerroten Haaren. Er hat immer „oorlog“ (Krieg) gespielt, mit kleinen hässlichen Plastiksoldaten. Trotzdem war Frikkie mein „maat“ (Freund). Ich war sowieso immer die Raubeinige, der Tomboy. Geprägt durch meine älteren Brüder, konnte ich mit typischem Mädchengetue nicht viel anfangen. Eine Kindergartenfreundin musste mal vorzeitig bei uns zu Hause abgeholt werden, weil ich ihr mit dem Hören von Tom Saywer ordentlich eingegruselt hatte. Ich glaube, ich habe nicht viel Wert gelegt, auf eine weitere Freundschaft mit ihr.

Einmal im Jahr hatten wir Puppenfest im Kindergarten. Dann brachten wir alle unsere Puppen (die Jungs ihre Teddys) mit, es waren am Tag zuvor kleine (Puppen)kuchen gebacken worden und wir feierten mit unseren Puppen. Meine Puppe hieß Marion. An einem solcher Puppenfeste, hatte ich ein Dirndl an. Das hatte eine Freundin meiner Mutter uns aus Deutschland geschickt. Ein Dirndl im deutsch-evangelischen Kindergarten, im sandigen Walvis Bay, der afrikaanse Frikkie neben mir mit seinem abgewetzten Teddy.

Meine Eltern hatten eine Druckerei und es machte mich immer besonders stolz, wenn dann und wann einer aus der Druckerei, oder sogar mein Vater selbst, mit Papierabfällen oder Verschnitten in den Kindergarten kam und wir wieder eingedeckt waren mit Mal- und Bastelpapier und Pappe.

Meine Mutter brachte mich immer in ihrem VW Variant (wegen des ewigen Klapperns nannten wir das Auto familien-intern „Keksdose“) zum Kindergarten. Ich kann mich noch genau erinnern, als bei der Keksdose eines Morgens die Bremsen versagten. Das war nicht schlimm. Meine Mutter konnte halt nicht bremsen. Rollte einfach langsam einen Bogen über den großen Platz vor der Kirche und dem Kindergarten wieder auf die Straße und zurück. Und meinte zu mir Ich fahr jetzt ganz langsam, du springst dann einfach raus, mein Kind, okay? Bis heute Mittag! Ich glaube, beim dritten Anlauf und mit ganz viel Gegacker von uns beiden, hat es dann geklappt.

Im Winter war es manchmal richtig kalt, so eine klamme Kälte, dann hatte ich morgens eine kratzende, rote Wollmütze auf. Aber mittags war ich – egal wie kalt es morgens war – barfuß, immer. Und musste oft vor dem Mittagessen in die Wanne gestellt und „grob“ abgeduscht werden. Wir haben soviel im Sand gespielt, ständig rieselte er uns aus den Taschen.

Wenn wir nicht auf Papier aus Papas Druckerei gemalt oder deutsche Lieder gesungen haben, haben wir draußen gespielt, stundenlang. Der Außenbereich war eine riesige Sandkiste und mit leeren Margarinebechern, alten ausgedienten Löffeln und zerbeulten Kochtöpfen konnten wir uns Ewigkeiten beschäftigen. Die Kindergärtnerinnen saßen währenddessen im 70-Jahre-Look (ganz kurze Kleidchen und Plateausandalen) aufgereiht in der Sonne und haben auf uns aufgepasst. Silas hat sicherlich die Fenster geputzt. Wenn man abgeholt wurde, wurde man von einer Kindergärtnerin ausgerufen, denn die Mutter wollte ja nicht mit den feinen Schuhen in den Sand staksen. Silas hat uns die Füße mit einem Handfeger abgefegt und dann ging es im klappernden Variant nach Hause.

Während meine Mutter auf die Schnelle ein Mittagessen gezaubert hat und nachdem ich besagte „grobe Säuberung“ hinter mir hatte, habe ich meist eine kleine Schallplatte, ich glaube, wir nannten sie 7 Single, gehört. Meine Mutter rief immer aus der Küche Leg schon mal die Seite mit dem Hütchen (also Seite A) nach oben auf, ich stell den Plattenspieler gleich an. So drangen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ usw. in mein Unterbewusstsein. Wenn mein Vater aus der Druckerei und die älteren Brüder aus der Schule kamen, gab es Mittagessen. Frikadellen, gefüllte Eierkuchen, Hühnerfrikassee, deutsche Hausmannskost eben. Auch Königsberger Klopse gab es manchmal, da folgte meine Mutter der Kochtradition ihrer Eltern, die aus der Gegend stammten. Bobotie und andere Exoten schlichen sich erst später in die namibische Küche.

An meinem letzten Kindergartentag holte ich mir ein paar Narben, die mich ein Leben lang verunzieren sollten: Ich spielte mit Frikkie Fangen (wir nannten Fangen „Touch“) und rannte hinter ihm her. Er lief durch eine Glastür, die er hinter sich zuschmiss und ich konnte nicht mehr abbremsen, streckte die Arme aus und durchbrach die Glastür. Bis dahin alles gut. Keine Narben an den Händen, aber beim Zurückziehen der Arme schnitt ich mir an den Innenseiten der Oberarme tiefe Wunden. Das muss ziemlich unappetitlich ausgesehen haben. Meine hochschwangere Kindergärterin wurde leichenblass und rief meine Mutter aus der Druckerei. Die klapperte eilte herbei und brachte mich ins „Hospital for Whites“, wo ich ohne Narkose wieder zusammengeflickt wurde. Die schwangere Kindergärtnerin bestand darauf, mit zu kommen und wartete auf dem Flur. Meine Mutter hielt mir tapfer die Hand. Und betete mir währenddessen vor: Wenn wir hier rauskommen, fahren wir sofort in den Schuhladen und dann bekommst du die roten Cloggs mit dem Marienkäfer drauf. Gesagt, getan. Als mein Vater abends nach Hause kam, sprang ich ihm auf dem Cloggs entgegen und er meinte, ich würde mit meinen Verbänden aussehen wie ein Preisboxer. Darauf war ich sehr stolz, irgendwie.

Nach dem etwas mißglückten Abgang aus dem Kindergarten, folgte die deutsche Grundschule. Aber das lesen Sie bitte demnächst, wenn es wieder heißt: Frau DüneSieben hat einen Backflash.

Backflash

Haben Sie das auch oft – dass Sie sich an etwas erinnern, meist eine schöne Erinnerung? Ich weiß nicht woran es liegt, vielleicht daran, dass ich in Namibia aufgewachsen bin und viele Erinnerungen einfach (räumlich) so weit weg sind. Ich bilde mir ein, dass ich viele Backflashs habe. Eine gute Freundin aus Namibia, hat das Wort Backflash (für mich) erfunden. Wir hatten vor 1,5 Jahren ein großes Klassentreffen in Namibia. Und weil viele von uns nicht in Namibia leben, hatte jemand die grandiose Idee, vorher ein Forum zu gründen, das nur für uns „Ehemaligen“ zugänglich sein würde. Dort haben wir uns Anekdoten von früher erzählt. (Und tun es immer noch.) Wisst ihr noch, als der mit ihr da und dort…. Vieles wurde wieder ausgegraben, alles humorvoll. Und so hatte die Freundin sich mal für einen „Backflash“ bedankt, den jemand ihr beschert hatte.

Backflash. Ein herrliches Wort. Und eine neue Kategorie. Aus einem Backflash lassen sich, versucht man sie festzuhalten, interessante Geschichten erzählen. Herrliche Geschichten. Auf jeden Fall für die Betroffenen oder zumindest Zeitgenossen. Solche Backflashs möchte ich ab jetzt hier festhalten. Und vielleicht gelingt es mir damit, Ihnen „mein Namibia“ etwas näher zu bringen.

Home, sweet home

Seit gestern wieder. Alles gut, schnurrender Kater, zufriedene Kinder, Mann nach drei Tagen ArbeitKinderFrauimKrankenhausAnspannung etwas geschlaucht. Wochenende naht, Herbstsonne scheint und wat mut, dat mut.

Vasbyt

Also, so Kryptisches ist ja nicht mein Ding. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen wegen dem letzten wenig preisgebenden Beitrag. Darum und weil ich bislang hier immer die (bisweilen verschleierte, um Personen um mich herum zu schützen) Wahrheit geschrieben habe: Es sind Verwachsungen, die mich morgen wieder auf die OP Pritsche springen lassen. Darm-Verwachsungen kommen sehr häufig vor, nach Unterleib OPs. Zum Glück wusste ich das nicht vorher.

Es gibt einen Spruch in Afrikaans: Vasbyt, maar nie afbyt. Heißt in etwa: Festbeißen, aber nicht abbeißen. Also Augen zu und durch, Zähne zusammenbeißen und bald bin ich wieder da und dann gibt es Neues aus der Kategorie „südafrikanische Musik“ und kleine Blicke in die namibische Nische der DüneSieben.

(Übrigens, ich checke ein mit diversen Büchern, unter anderem zwei Kochbüchern. Ich liebe es, im Bett zu liegen und in Kochbüchern zu schmökern. Noch dazu von zwei Bloggern, deren Blogs mich regelmäßig in die Küche treiben. Empfehlenswert sind beide, soviel kann ich schon jetzt sagen. Also, die Bücher und die Blogs.)

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