Von außen sieht man ja nichts. Meine Hautfarbe ist weiß, ich habe (glatte) braune Haare, blaue Augen, einzig die vielen Sommersprossen sind vielleicht nicht so typisch deutsch. Sogar hören tut man nichts. Inzwischen nicht mehr, zumindest. Ich habe von klein auf Deutsch gelernt, ich denke, fühle und liebe in Deutsch. Das war mal kurz anders, ein oder zwei Jahre vielleicht, als ich in Kapstadt gelebt und dort gearbeitet habe und sehr viel englischen Umgang hatte. Ansonsten aber ist Deutsch eindeutig meine Muttersprache. Ich spreche zwar auch noch fließend Englisch und Afrikaans und verstehe und spreche ein paar Brocken Herero und Ovambo, aber wirklich können – leider nicht.
Wenn man es negativ ausdrücken will, kann man sagen, dass ich unter einer Glasglocke aufgewachsen bin. Positiv gesehen (und ich bin ein positiver Mensch) habe ich das beste von mehreren Welten und Kulturen in mir vereint. Und so werde ich, angesichts der Tatsache, dass man „von außen nichts sieht“ oft gefragt, was denn nun so anders in Namibia ist.
Als ich geboren wurde, war mein Geburtsort Walvis Bay noch zu Südafrika zugehörig. Namibia (oder besser gesagt damals noch Südwestafrika) war der verlängerte Arm von Südafrika und es begannen die Jahre des erbitterten Kampfes um dieses Land. Ich habe davon nicht viel mitbekommen. Nur wenn Besuch aus dem „Inland“, also Farmer, bei uns zu Besuch waren und erzählten, was sie „gehört und gesehen“ hätten, dass sie sich langsam auf ihren entlegenen Farmen bewaffnen müssten und die Gefahr immer näher käme, beschlich mich ein unheimliches Gefühl. Politik wurde bei uns zu Hause nicht totgeschwiegen. Zumindest hatten meine Eltern eine politische Meinung, die sie auch kundtaten. Eine Seltenheit unter deutschen, weißen Namibiern, die oft heute noch nicht wissen, wo sie sich positionieren sollen – ob nun patriotisch mit dem neuen Namibia, oder doch lieber nichts verscherzen mit der „deutschen Heimat“? Aber ich hatte – um gleich vorweg eine DER Frage überhaupt zu beantworten, die mir immer wieder gestellt wird – keinen Kontakt zu schwarzen Kindern. Punkt. Das war einfach so. Hier die Weißen, dort die Schwarzen. Weiße Schulen, weiße Kindergärten, weiße Krankenhäuser. Wir kannten es nicht anders. Und haben es nicht hinterfragt. Was mich aber nicht davon abhielt, in den Ferien, wenn unsere (schwarze) Haushaltshilfe ihre Kinder mit zu uns brachte, mit ihrer Tochter Emma ganz herrlich zu spielen. Die Verständigung war etwas schwierig, aber Kinder brauchen nicht unbedingt die gleiche Sprache zu sprechen, um viel Spaß mit einander zu haben.
Jedenfalls war es ein unbeschwertes Aufwachsen, dort an dem rauen Atlantik. Ich bin in einen deutsch-evangelischen Kindergarten gegangen, mit deutschen Kindergärtnerinnen. Nur der „Putzjunge“, Silas, war schwarz wie die Nacht. Nach einigen Jahren Putzens und zwecks mangelnder ausgebildeter Kräfte, ist er sozusagen zum Kindergärtner aufgestiegen. Silas wohnte hinten auf dem Gelände des Kindergartens. Es bereitete mir jedes Mal kräftiges Herzklopfen, sich diesem Zimmer zu nähern (was wir nicht durften) oder gar mal einen Blick rein zu werfen (was strengstens untersagt war). Sein Bett stand auf Backsteinen, damit der Tokolosh keine Chance hat. Das kleine Zimmer war ziemlich zugekruschtet, es hingen Poster an den Wänden, es hatte einfach etwas verruchtes, in das Heim eines Schwarzen zu schauen. Silas war die Seele und Stütze des Kindergartens, noch heute nennt er meine Brüder und mich bei unseren Spitznamen und bei längeren Aufenthalten bei meinen Eltern mit meinen Kindern, sind sie (meine Kinder) als Gastkinder auch dort „zu Silas“ und haben ihre Rucksäcke an den selben Entenhaken gehängt, so wie ich vor über 30 Jahren meine Kindergartenledertasche. Kindergärnterinnen mögen in dem Kindergarten gekommen und gegangen sein, Silas hingegen ist eine Konstante.
In diesem Kindergarten wurde der Grundstock meiner bisherigen deutschen Erziehung erweitert. Ich lernte die klassischen deutschen Kinderlieder und kleine Gedichte. Wir feierten Ostern, Advent und Weihnachten. Nein, Silas machte nicht den Weihnachtsmann, zu Weihnachten hatten wir immer schon längst Sommerferien, als Abschluss des Kindergartenjahres kam der Nikolaus und der war bitteschön weiß und deutsch. Wir bastelten die typischen kleinen Dingelchen, wie hier wohl zeitgleich auch, nur fehlten uns halt Kastanien und Co. Stattdessen gab es Muscheln, Borsten von Wildschweinen, Perlhuhn- und Flamingofedern. Oder die Früchte der Makalanipalmen.
Wir hatten eine große Rutsche im Kindergarten, abgesehen natürlich von Spielgeräten draußen. Zumindest kam mir diese Rutsche immer sehr groß und hoch vor, als ich vor ein paar Jahren mal wieder in dem Kindergarten war, folgte die Ernüchterung. Es war an Tagen, wo der Sandsturm besonders schlimm wütete, wir nicht raus konnten und mit einer Kindergärtnerin nach oben gingen und einzeln runterrutschten. Unten stand – na, wer wohl? – Silas und fing uns auf.
In diesen deutsch-evangelischen Kindergarten gingen hauptsächlich deutschsprachige Kinder. Aber auch ein kleiner Anteil von englisch- und afrikaanssprachigen Kindern war dort. Diese Institution Kindergarten ist ja etwas ganz Deutsches, im südlichen Afrika gab es sonst die Alternative „Pre-School“ oder (afrikaans) „Kleuterskool“. Ich hatte einen kleinen Freund, Frikkie, ein Afrikaaner mit feuerroten Haaren. Er hat immer „oorlog“ (Krieg) gespielt, mit kleinen hässlichen Plastiksoldaten. Trotzdem war Frikkie mein „maat“ (Freund). Ich war sowieso immer die Raubeinige, der Tomboy. Geprägt durch meine älteren Brüder, konnte ich mit typischem Mädchengetue nicht viel anfangen. Eine Kindergartenfreundin musste mal vorzeitig bei uns zu Hause abgeholt werden, weil ich ihr mit dem Hören von Tom Saywer ordentlich eingegruselt hatte. Ich glaube, ich habe nicht viel Wert gelegt, auf eine weitere Freundschaft mit ihr.
Einmal im Jahr hatten wir Puppenfest im Kindergarten. Dann brachten wir alle unsere Puppen (die Jungs ihre Teddys) mit, es waren am Tag zuvor kleine (Puppen)kuchen gebacken worden und wir feierten mit unseren Puppen. Meine Puppe hieß Marion. An einem solcher Puppenfeste, hatte ich ein Dirndl an. Das hatte eine Freundin meiner Mutter uns aus Deutschland geschickt. Ein Dirndl im deutsch-evangelischen Kindergarten, im sandigen Walvis Bay, der afrikaanse Frikkie neben mir mit seinem abgewetzten Teddy.
Meine Eltern hatten eine Druckerei und es machte mich immer besonders stolz, wenn dann und wann einer aus der Druckerei, oder sogar mein Vater selbst, mit Papierabfällen oder Verschnitten in den Kindergarten kam und wir wieder eingedeckt waren mit Mal- und Bastelpapier und Pappe.
Meine Mutter brachte mich immer in ihrem VW Variant (wegen des ewigen Klapperns nannten wir das Auto familien-intern „Keksdose“) zum Kindergarten. Ich kann mich noch genau erinnern, als bei der Keksdose eines Morgens die Bremsen versagten. Das war nicht schlimm. Meine Mutter konnte halt nicht bremsen. Rollte einfach langsam einen Bogen über den großen Platz vor der Kirche und dem Kindergarten wieder auf die Straße und zurück. Und meinte zu mir Ich fahr jetzt ganz langsam, du springst dann einfach raus, mein Kind, okay? Bis heute Mittag! Ich glaube, beim dritten Anlauf und mit ganz viel Gegacker von uns beiden, hat es dann geklappt.
Im Winter war es manchmal richtig kalt, so eine klamme Kälte, dann hatte ich morgens eine kratzende, rote Wollmütze auf. Aber mittags war ich – egal wie kalt es morgens war – barfuß, immer. Und musste oft vor dem Mittagessen in die Wanne gestellt und „grob“ abgeduscht werden. Wir haben soviel im Sand gespielt, ständig rieselte er uns aus den Taschen.
Wenn wir nicht auf Papier aus Papas Druckerei gemalt oder deutsche Lieder gesungen haben, haben wir draußen gespielt, stundenlang. Der Außenbereich war eine riesige Sandkiste und mit leeren Margarinebechern, alten ausgedienten Löffeln und zerbeulten Kochtöpfen konnten wir uns Ewigkeiten beschäftigen. Die Kindergärtnerinnen saßen währenddessen im 70-Jahre-Look (ganz kurze Kleidchen und Plateausandalen) aufgereiht in der Sonne und haben auf uns aufgepasst. Silas hat sicherlich die Fenster geputzt. Wenn man abgeholt wurde, wurde man von einer Kindergärtnerin ausgerufen, denn die Mutter wollte ja nicht mit den feinen Schuhen in den Sand staksen. Silas hat uns die Füße mit einem Handfeger abgefegt und dann ging es im klappernden Variant nach Hause.
Während meine Mutter auf die Schnelle ein Mittagessen gezaubert hat und nachdem ich besagte „grobe Säuberung“ hinter mir hatte, habe ich meist eine kleine Schallplatte, ich glaube, wir nannten sie 7 Single, gehört. Meine Mutter rief immer aus der Küche Leg schon mal die Seite mit dem Hütchen (also Seite A) nach oben auf, ich stell den Plattenspieler gleich an. So drangen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ usw. in mein Unterbewusstsein. Wenn mein Vater aus der Druckerei und die älteren Brüder aus der Schule kamen, gab es Mittagessen. Frikadellen, gefüllte Eierkuchen, Hühnerfrikassee, deutsche Hausmannskost eben. Auch Königsberger Klopse gab es manchmal, da folgte meine Mutter der Kochtradition ihrer Eltern, die aus der Gegend stammten. Bobotie und andere Exoten schlichen sich erst später in die namibische Küche.
An meinem letzten Kindergartentag holte ich mir ein paar Narben, die mich ein Leben lang verunzieren sollten: Ich spielte mit Frikkie Fangen (wir nannten Fangen „Touch“) und rannte hinter ihm her. Er lief durch eine Glastür, die er hinter sich zuschmiss und ich konnte nicht mehr abbremsen, streckte die Arme aus und durchbrach die Glastür. Bis dahin alles gut. Keine Narben an den Händen, aber beim Zurückziehen der Arme schnitt ich mir an den Innenseiten der Oberarme tiefe Wunden. Das muss ziemlich unappetitlich ausgesehen haben. Meine hochschwangere Kindergärterin wurde leichenblass und rief meine Mutter aus der Druckerei. Die klapperte eilte herbei und brachte mich ins „Hospital for Whites“, wo ich ohne Narkose wieder zusammengeflickt wurde. Die schwangere Kindergärtnerin bestand darauf, mit zu kommen und wartete auf dem Flur. Meine Mutter hielt mir tapfer die Hand. Und betete mir währenddessen vor: Wenn wir hier rauskommen, fahren wir sofort in den Schuhladen und dann bekommst du die roten Cloggs mit dem Marienkäfer drauf. Gesagt, getan. Als mein Vater abends nach Hause kam, sprang ich ihm auf dem Cloggs entgegen und er meinte, ich würde mit meinen Verbänden aussehen wie ein Preisboxer. Darauf war ich sehr stolz, irgendwie.
Nach dem etwas mißglückten Abgang aus dem Kindergarten, folgte die deutsche Grundschule. Aber das lesen Sie bitte demnächst, wenn es wieder heißt: Frau DüneSieben hat einen Backflash.
Spuren im Sand