Wochen- ach was! – MONATElang freut man sich drauf. Auf den Urlaub, eben mehr noch – auf Namibia. Es ist nicht nur ein schnöder Urlaub, es ist ein Nachhausekommen. Wenn man von dort kommt und hier lebt, ist es eigentlich ein ständiges Überbrücken, ein Hangeln von Sommer zu Sommer, ein festes Augenzukneifen im Winter, ein ewiges Tage- und Nächtezählen, bis es dann endlich wieder so weit ist. Der Tag ist gekommen, wir fliegen los. Uns trennt nur noch eine fünfstündige Zugfahrt nach Frankfurt, das Flugzeug wird freudestrahlend erklommen, die Cabin Crew fast frenetisch begrüßt, die Gurte zugeclickt – es kann losgehen. Der DüneSiebenMann und ich prosten uns mit Gin Tonic und südafrikanischem Wein über die Kinder hinweg an. Wir haben es geschafft, wir sind auf dem Weg! Die Nacht schläft man nicht gut, ist auch egal, die Kinder beobachten auf der immer wieder eingeblendeten Landkarte den Weg, den wir schon zurückgelegt haben und den Weg, den wir noch vor uns haben. Sie haben glänzende Augen und sind zappelig ohne Ende. Das Frühstück kommt bei der Großen im Landeanflug fast wieder hoch, sie hat die Kotztüte im Anschlag, ist schweißnass-klebrig und hat eiskalte Hände. Ich rede beruhigend auf sie ein einatmen, ausatmen, tief und ruhig atmen und irgendwie vergesse ich dadurch die sonst übliche Rührung beim Landen. Wenn das braune (dieses Mal schon erstaunlich grüne!) Land unter einem dahinflitzt und Gestalt annimmt, wenn man erste Riviere und Farmpads, Dämme und Farmhäuser ausmachen kann. Wenn ich die Straße von Windhoek nach Hosea Kutako erkennt und weiß, dass die Familie sich just in diesen Minuten da befindet, um uns abzuholen. Dann schießen mir normalerweise die Tränen in die Augen, aber das macht nichts, ich habe eine Sonnenbrille auf, schon dann ist es grell im Flugzeug.
Und dann haben wir namibischen Boden unter den Füßen. Obwohl es früher Vormittag ist, sticht die Sonne, man befürchtet, sich auf den drei Minuten vom Flugzeug ins Gebäude, den Scheitel zu verbrennen. Tourielike machen wir Fotos von uns übermüdeten „Gerries“ vor dem Flugzeug. Es ist uns nicht peinlich. Zu lange haben wir gewartet auf diesen Moment. Alles liegt vor uns.
Im Flughafengebäude wie immer lange Schlagen bei der Passkontrolle. Viele Touristen haben vergessen, die super schlecht kopierten „arrival forms“ auszufüllen, im Flugzeug wurden sie auch nicht verteilt. Dumm für die, die nun im Stehen mit Pass, arrival form und Kugelschreiber hantieren. Die Kinder sind sehr stolz, erstmals die eigenen Pässe vorlegen zu können.
Auch die Gepäckausgabe zieht sich ewig… Es sind schließlich auch zwei „international flights“ (wir und Cape Town) gelandet. Afrika halt. Wir bleiben ruhig und kommen mit interessanten Leuten ins Gespräch. Ein Pärchen ist mir in Hamburg auf dem Bahnhof schon aufgefallen ah, die sehen auch aus, als ob sie nach Namibia fliegen und tatsächlich, wir treffen uns am ewig eiernden Gepäckband wieder. Doch schließlich nach einer Stunde haben wir alle Gepäckstücke beisammen und dann fallen sich blasse, übermüdete und knackige, frische, sonnengegerbte Familienmitglieder in die Arme.
Die Fahrt vom Flughafen nach Windhoek dauert etwa 20 Minuten, auch auf dem Parkplatz herrscht afrikanisches Chaos, da sich gefühlte 1 000 Autos durch nur eine Parkticketkontrolle quetschen. Gelassen bleiben ist hier das Motto. Wir werden noch viele solche Situationen erleben, angefangen bei der dauerhaften Verkehrskontrolle zwischen Walvis Bay und Swakopmund.
Bei unserer ersten Anlaufstelle wartet ein himmlisches brunch auf uns: frische Melone, allerbeste Brötchen, herrliches Rauchfleisch und Simonsberg Camembert. Selbstgemachtes Kaktusfeigengelee und frische Feigenmarmelade. Es gibt Säfte und natürlich das erste Bier (gebraut nach deutschem Reinheitsgebot) und Sekt. Wir sind im Paradies. Die Kinder hüpfen sofort ins Schwimmbad mit den Cousins und Cousinen, alle reden durcheinander, alle schweigen plötzlich, grinsen sich an und prosten sich zu. Wir sind wieder da!
So langsam dringt Namibia zu mir durch. Der heiße Boden, die auch in Windhoek immer leicht staubige, trockene Luft. Der Himmel ist knallblau, ab Mittag türmen sich die Wolken, die höchstens ein kurzes kräftiges Gewitter am Abend bringen, aber einem nicht die gute Laune verderben. Es kriecht mir unter die Haut, ich bin glücklich.
Die ersten zwei Tage verbringen wir bummelnd in Windhoek. Sind aufs Neue erstaunt, welch ein Wohlstand dort herrscht, unendliche Einkaufsmöglichkeiten, für uns mit dem starken Euro natürlich sowieso sehr gute Voraussetzungen. Und wieder haben die Straßenverkäufer es mir gleich von Anfang an angetan. Ich erstehe erste kleine Perlentiere und -schlüsselanhänger. Wir essen ein herrliches leichtes Mittagessen: Avocado Ritz, mit Thunfisch gefüllte Avocadohälften, dazu ein Rock Shandy – genau richtig, nicht zu schwer in der Hitze. Schon immer da gewesen, aber trotzdem immer wieder putzig: die deutschen Schilder und restlichen deutschen Straßennamen. So etwas fiel mir gar nicht auf, als ich selbst in Windhoek lebte, jetzt fotografiere ich es sogar.
Nach zwei unbeschwerten Tagen heißt es dann weiterfahren, an die Küste, zu meinen Eltern. Wir fahren mit einem shuttle, eine wunderbare Einrichtung, die in der Vergangenheit fast ausschließlich von Schwarzen genutzt wurde, jetzt aber auch stark von Weißen frequentiert wird. So sitzen wir im Bus und lassen die Landschaft an uns vorbeiziehen. Es wechselt von Buschlandschaft zu karger werdender Wüstenlandschaft, schließlich die Dünen und das Meer. Die Fahrt gibt uns die Gelegenheit, schon Erlebtes Revue passieren zu lassen und sich auf die lange Zeit, die noch vor uns liegt, zu freuen.
(viele Fotos aus dem fahrenden Auto geschossen)
Spuren im Sand