… ins Land unserer aller Lieblingsklamotten- und Möbeldesigner. Schweden. Genauer gesagt Stockholm. Geburtstagsgeschenk einlösen. Gehaben Sie sich wohl über das lange Wochenende. Viel Sonne, Gesundheit und Frohsinn.
Archiv für April 2009
Als ich als erstes Mädchen in einem ganzen Rudel von Brüdern und Cousins geboren werde, schmeißt mein Vater am selben Abend eine Party zu Hause und tanzt sogar mit der spröden Nachbarin. Ich bin ein Sonntagsmädchen, das soll Glück bringen. Mein zweitältester Bruder ist enttäuscht, dass er mit mir nicht gleich am selben Tag, wie ich aus dem Krankenhaus nach Hause komme, Fußball spielen kann. Mein ältester Bruder wird nie müde, mich im Kinderwagen an der Lagune langzuschieben. Ich werde in ein glückliches Leben hinein geboren.
Heute, vor vierzig Jahren.
Es ist soweit – ich werde 40. Ob ich einen Bammel davor habe, werde ich in letzter Zeit oft gefragt. Bammel? Nein. Eigentlich rast diese 40 so dermaßen auf mich zu, dass ich kaum darüber nachdenken kann.
Vier Dekaden. Die erste Dekade, die Kindheit, erlebt im zwar sandig-windigen, aber auf eine Weise auch idyllischen Walvis Bay. Am Rande der Namib, am Fuße der Düne 7 sozusagen. Unbeschwerte Tage. Den Sommer am rauen Atlantik verbracht, im Winter Ausflüge und Touren in die Namib, auf die Etoscha Pfanne, ins Nachbarland Südafrika und Besuche auf Farmen. Dazwischen Schule, Freundschaften (die teilweise heute noch sehr intensiv bestehen), Klavierunterricht und viel gegen den Wind radeln. Roter Faden in meiner Kindheit: Fußball. Ich spiele zwar nicht, aber die beiden älteren Brüder und der Vater ist passionierter Jugendtrainer. Die Mutter macht unentwegt Kartoffelsalat für Tuniere und backt Kuchen. Ich steh am Spielfeldrand, klammer mich an das Bein meines Vaters, er trinkt Bier, ich kriege ein paar Cent für eine Krest. Nächster roter Faden (nicht unbedingt zweitrangig) ist die Druckerei meiner Eltern. Sie versorgen hauptsächlich die Fischindustrie Walvis Bays mit Fischdosen-Etiketten und Rechnungs- und Bestellungsbüchern. Die Ferien verbringe ich oft in der Buchbinderei und kriege da von den freundlichen Coloured-Frauen (stolpern Sie nicht über das Wort „Coloured“, so nannten wir die „Farbigen“ nunmal) immer etwas zum kleben, binden und stapeln. Ich bewunder meinen Vater, der einen nagelneue Schneidemaschine hat, die erste solcher Art in ganz Namibia. Meine Mutter lässt sich regelmäßig von uns Kindern weichklopfen, öffnet die Kasse und wir kriegen Geld für Schuhsohle und Eis-Coke bei Café Probst. So vergehen glückliche Tage.
Ab 12 Jahren kriege ich eine kleine Ahnung vom Ernst des Lebens. Die Grundschule endet mit dem 6. Schuljahr. Bye bye kleine überschaubare deutsche Grundschule in Walvis Bay, mit knapp 40 Kindern, jeweils zwei Klassen in einem Raum und drei Lehrern. Der Schulleiter ist gleichzeitig unser Lehrer, oft beantworten wir Schüler das Schultelefon, wenn er gerade Fragebögen „abrollt“. Kennen Sie auch noch dieses Ungetüme von Abrollmaschinen? Mit Matritzen und ganz viel Krach funktionierten sie. Ich komme mit 12 Jahren nach Swakopmund an die Deutsche Oberschule, einer zweisprachigen Regierungsschule. Umgangssprache und Kultur der Schule ist Deutsch, die Inhaltsfächer werden in der zweiten wählbaren Sprache Afrikaans oder Englisch unterrichtet. Wir erleben einen etwas verqueren Mix aus namibisch-deutscher Kultur. Manche Lehrer haben recht antiquarische Vorstellungen von Deutschland und vom Deutschtum. So predigt unser Schulleiter uns in den frühern Achtzigerjahren, was sich „ziemt“ und was nicht. Sprüche wie „Leere Ähren stehen hoch“ und „Leere Tonnen dröhnen laut“ werden mich noch ewig verfolgen. Aber auch das kann uns die Jugend nicht wirklich versalzen, wir sind gut geübt im auf Durchzug schalten. Und vieles ist eben einfach so und stellen wir nicht weiter in Frage. Ich erlebe eine plötzliche Freiheit, denn die Schule ist 30 km von Walvis Bay entfernt, es verkehrt kein Bus und meine Eltern können mich nicht jeden Tag fahren. Nach einem Jahr Schülerheim fahre ich zwei weitere Jahre mit Colgate Rider durch die Lande, einem Mädchen im oberen Jahrgang mit Führerschein und einem makellosen Lächeln. Als Colgate Rider die Schule hinter sich läßt komme ich ins Paradies in eine Pension, zu Tante Lenchen. Tante Lenchen hat ein großes Haus mit vielen Zimmern und vor allem ein großes Herz. Sie nimmt Schüler auf und backt das beste Brot in ganz Swakopmund. Sie hat auch einen sehr festen Schlaf und wir somit von Jugend an alle Freiheiten. Getoppt wird das Ganze, als ich auch ein Außenzimmer bekommen, direkt neben meiner Busenfreundin aus jenen Tagen. Es sind wilde Zeiten, nicht selten bekommen wir nachts Besuch von ausgebüxten Jungs aus dem nahegelegenen Schülerheim und Mittwochsnachmittags, wenn die „Heimer“ „Ausgang“ haben, kann man die Luft vor lauter Zigarettendunst in unseren Zimmern mit dem Messer schneiden. Tante Lenchen schläft nicht nur fest, ihr Geruchssinn ist auch nicht mehr der Beste, oder aber sie ahnt schon, dass alles letzten Endes ganz harmlos ist und die meisten von uns irgendwann die Kurve kriegen. Jedenfalls muß ich mich an den Wochenenden zu Hause oft erstmal richtig ausschlafen. Ich Spätzünderin erlebe zum Schluß meiner Schulzeit meine erste richtige Liebe verbunden mit einem richtigen kleinen Drama, als die Ex-Freundin meiner Liebe (die zu dem Zeitpunkt von ihren Verflossenen-Status wohl noch nichts ahnt) am Tag meines Schulabschlussballs (Matrikabschied) vor mir steht. Ich schon in feiner Robe, sie wutentbrannt. Der Freund „gehört ihr“. Sie droht mir, ich bin perplex, weil auch sehr unerfahren und fahre einfach mit meinem Leben und der Liebe fort.
Am Ende der zweiten Dekade meines Lebens komme ich zum ersten Mal nach Deutschland. Meinem Vater ist es wichtig, dass wir Kinder alle in jungen Jahren eine Deutschlanderfahrung machen. Und so komme ich als Au-Pair zuerst nach Hannover und ziehe mit der Familie gemeinsam nach Hamburg um. Ich spreche so viel Afrikaans wie kaum in meinem Leben, bin hauptsächlich mit südafrikanischen Au-Pairs zusammen. Etwas am Thema vorbei, aber schließlich kann ich ja Deutsch, wenn auch eben unser „Südwesterdeutsch“. Deutschland finde ich vor allem grau, nass und die Leute sehr verschlossen. Oder taktlos neugierig auf die weiße Afrikanierin, die so anders ist. Der Sommer mit Spargel, Erdbeeren und Kirschen hingegen, der ist klasse.
Die dritte Dekade bringt mir Kapstadt mit all seiner Fülle an Farben, Klängen, Erlebnissen und Gerüchen. Those were the days! Was haben wir gelebt. Meine Eltern zittern im weit entfernten Walvis Bay um ihre Tochter, dessen bin ich mir heute sicher. Gelernt wird oftmals nicht für die Uni, sondern für das Leben. Die Apartheid liegt in den letzten Zügen. Ich lese dort in Tamboerskloof in unserer WG in der Argus, dass die Berliner Mauer gefallen ist. Ich erlebe die Freilassung Nelson Mandelas in glühender Hitze auf dem City Square. Jeden Sommer brennt es um den Tafelberg rum, wenn die Sonne sticht und der ewige, trockene Wind weht. Morgens ertönt der Weckruf von der nahegelegenen Moschee im Malay Quarter. Kapstadt kriecht mir so unter die Haut und in die Erinnerung. Viele Emotionen sind damit verbunden. Manchmal habe ich fast „Angst“, wenn ich mal wieder dort hin komme. Mir ist klar, dass es das, unser, Kapstadt von früher, nicht mehr gibt. So manches lässt man eben hinter sich im Leben.
Aber auch nach Norddeutschland und in mein jetziges Leben bringt mich die dritte Dekade. Über Namibia. Zwei Jahre arbeite und lebe ich in Windhoek und bin dort in der kleinen deutschen Gemeinschaft ziemlich verwurzelt, bis ich merke: Das kann es nicht sein! Außderdem ist gerade eine Liebe zerflossen und so zieht es mich nach Europa, ich bekomme Fernweh wie selten in meinem Leben. Es ist auch ein Wunsch, auszubrechen aus meinem kleinen geordneten überschaubaren Leben. Typisch für mich, ich fange gern knall auf fall etwas Neues an. Jedenfalls kündige ich binnen weniger Wochen, verkaufe mein Auto, räume das Zimmer in der Wohnung, die ich mit dem Bruder teile und düse ab nach Deutschland. Der Plan ist, den Winter über in Hamburg zu arbeiten und im Sommer zu reisen. Es kommt anders. Hamburg spricht mich total an, ich nehme einen festen Job, ziehe in eine WG in der Schanze und bin wieder drin in einem fröhlichen, bunten und vor allem unkonventionellen Leben. Es erinnert mich an Kapstadt. Dann kreuzen sich die Wege mit Herrn DüneSieben. Wir sind für einander alles, wovon wir gerade träumen. Die Welt kann versinken um uns rum, wir haben uns. Ich ziehe schon wieder um, noch weiter nördlich. Nur ein Jahr später bin ich verheiratet und habe eine zuckersüße Tochter. Alles ist perfekt. Fast. Wenn das Heimweh und das Anderssein nicht wären. Obwohl ich Deutsch bin, spreche und denke, fühl ich mich oft so als Außenseiterin, dass es schmerzt. Die Tochter und Herr DüneSieben natürlich, geben mir die Kraft, nicht alles hinzuschmeißen. Und dann kommt das Doppelpack und mein Lebenskarussell so richtig in Fahrt. Getoppt wird das Ganze von meinem 30. Geburtstag. Zu dem Zeitpunkt haben wir eine kleine Ahnung, dass mit unserer jüngeren Tochter „etwas nicht stimmt“ und Mitte Mai 1999 bekommen wir die Diagnose: „Nur“ ein Hydrocephalus, kein Tumor, man kann operieren, sie bekommt einen shunt und erweist sich als kleine Kriegerin, die uns allen noch zeigen wird, wo es lang geht. Ich muß stark sein, die Familie zusammenhalten. Wir sind noch jung, so jung, Herr DüneSieben und ich. Die Kinder nagen an uns, an mir, an der Beziehung, die noch so ungefestigt ist und eigentlich noch sehr in den Anfängen steckt. Wir kommen da durch, zusammen, mein Mann und ich.
In den Dreißigern finde ich meine Mitte, wie ich jetzt feststelle. Ich weiß, was ich kann, ich tu alles für diese vier wichtigen Menschen in meinem Leben. Namibia rückt ein Stückchen in die Ferne, ich bin zu busy-busy, darüber nachzudenken, ob ich Heimweh habe oder nicht. Ein wenig vielleicht schon die ganze Zeit, so unterschwellig. Ich lebe damit. Und komme zu der Erkenntnis, dass die meisten Menschen sich permanent nach etwas sehnen: Einer Partnerschaft, einem Kind vielleicht, oder mehr Geld… Bei mir ist es eben Namibia. Es gibt mir auch eine gewissen Kraft, Namibia als diesen Rückhalt zu haben.
In den letzten paar Jahren sind Freundschaften, vor allem die alten, mir wieder sehr wichtig geworden. Vor zwei Jahren hatten wir unser 20-jähirges Klassentreffen in Namibia. Ich bin allein hingeflogen, das erste Mal überhaupt ohne Kinder nach Namibia. Boy, what a trip down memory lane! Und die Freundschaften, die wir dort wieder aufgefrischt und neu intensiviert haben, die geben mir Kraft. Es ist vielleicht ein Zeichen des Reiferwerdens, dass man in der Vergangenheit rumkramt, an den alten Zeiten hängt und feststellt, dass man schon ein paar Jährchen gelebt hat. Langweilig war es nie. Aber auch die neuen Lebensbegleiter sind wichtig. Überhaupt die Menschen, so enttäuscht ich oft von ihnen bin, so wichtig sind sie dennoch.
Und jetzt stehe ich drei Tage vor der großen 40. Ich bin gelassen. Mein Leben hat Tiefgang. Ich habe Rückhalt, Perspektiven und ich freue mich. Ob die forties denn nun so „roaring“ sind, das verrate ich Ihnen in zehn Jahren.
Ich bin so mit mir im Reinen* momentan. Das erfreut mich angesichts des nahenden 40. Geburtstags doch sehr.
* Heute rein im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte das erste „facial“ meines Lebens. Facial in Anführungszeichen, da wir in Namibia es immer ein „facial“ nannten, wenn jemand zur Kosmetikerin geht. Wie nennt man es in Deutsch – Gesichtsbehandlung? Jedenfalls war ich heute bei der Kosmetikerin meines Vertrauens (und da GEHÖRT Vertrauen zu) und habe mir mit den wunderbaren Environ Produkten meine gereizte Haut behandeln lassen. Zwei Stunden Wohlfühlen (ich mag den Ausdruck „wellness“ nicht, erst recht nicht so deutsch „wwwellnäss“ ausgesprochen). Wäre ich eine Katze, ich hätte geschnurrt. Da muß Frau DüneSieben fast 40 sein, um sich mal selbst einen Gefallen zu tun. Wurde ja auch mal Zeit!
Heute Abend mixe ich mir das erste Sommergetränk der Saison – obwohl der Sommer heute kurz Pause macht. Die Frage ist nur, ob Campari-Orange oder Gin-Tonic? Also caribbean vs stiffly english? Egal, zur Not one after the other. Auf jeden Fall setze ich mich mit dem Mixgetränk meiner Wahl auf die Couch und schaue GA.
Wenn ich nach ein paar Tagen weg von der Familie nach Hause zurückkehre, die Kinder, die lebhaften, gackernden, wunderbaren, wieder um mich habe, Herr DüneSieben sich am Abend auf mich freut, wenn ich in unser schönes Haus mit dem langsam blühenden Garten komme und die Katzen schnurrend um meine Beine streichen, dann durchflutet mich so ein Glücksgefühl, welches ich am liebsten in einer Flasche abfüllen möchte.
9h35 und die Große liegt noch im Tiefschlaf unter ihren Girliepostern. Jacky (der große Kater) wartet ungeduldig vor ihrer Tür, denn vormittags ist das sein Schlafplatz.
Die „Kleinen“ haben schon gefrühstückt, gestritten, Zähne geputzt und hopsen fröhlich auf dem Trampolin.
Frau DüneSieben hat zwei Kaffee intus, noch keine Zähne geputzt, zieht sich jetzt an, geht in den Garten, pflanzt die gestern erstandenen Pflanzen aus, duscht und packt dann für DK!
Das wieder aufgeflammte Augenekzem hält mich davon ab, ein Foto von dem neuen Kopf zu posten. Aber wirklich neu ist es nicht, kurz, wie ich es schon oft hatte. Meine Haare gleichen einem Klingelzeichen auf namibischen Farmlinien. Kurz-kurz-lang. Kurz-kurz-lang. Naja, was man so lang nennt…
Es geht uns gut.
Untersuchung und Ultraschall unauffällig.
Eine Niere sitzt weiter unten als „normal“, aber das kann nicht das Problem sein. Undefinierbare Bauchschmerzen kann viele Ursachen haben: Wachstum, Entwickeln der fraulichen Organe, eine Sportverletzung (ein sehr grobes Handballspiel und einen Ellenbogen im Magen am Samstag) und ähnliches. Oder schlicht ein Pups quer. Jedenfalls sitzt der Schlauch (Gehirnwasserableitung in den Bauchraum) normal und sie hat keine Kopfschmerzen, das heißt, Shunt und Ventil funktionieren.
Nach diesem Nachmittag in der Notaufnahme der Kinderklinik, weiß ich, dass einige Kieler Kinder nicht bei Sonnenschein am Sonntag Ostereier suchen werden und dass ihre Eltern mit tiefer Sorge an Klinikbetten sitzen werden und sich wünschen, dass sie, wie wir heute, dreieinhalb Stunden „umsonst“ in einer Notaufnahme gehockt hätten.
So, Sie wollen also ein Foto sehen. Gibt es bestimmt auch bald. Wenn ich einen Moment von dem wieder einmal sehr schnell drehenden Karusell abspringen darf. Geplant war, morgen nach DK aufzubrechen. Doch jetzt hat das Hydrocephalus Kind undefinierbare Bauchschmerzen, „komische“ Bauchschmerzen, die auf eine Verknotung des Shunt-Schlauchs deuten könnten. Anstelle von fröhlichem Packen bei Frühlingssonne, machen wir uns nun auf in die Uniklinik, zum Abklären. Sowas kommt immer unverhofft, nie passend und schon gar nicht planbar.

Spuren im Sand