Archiv der Kategorie 'südafrikanische Musik'

Südafrikanische Musik (2)

Ich sehe mich, uns, da in unserer WG am Fuße des Tafelbergs. Die WG bestand aus zwei meiner immer noch besten Freundinnen und mir. Menschen, Partner kamen und gingen. Wir experimentierten mit Männern, Parties, Rotwein, Lernen, Hasch, Unis und dem Leben überhaupt. Manchmal frage ich mich, wie wir da mehr oder weniger heil raus gekommen sind. Es war, wie ich meinen Eltern so gern entgegenhielt, fragten sie mich am Ende des Jahres nach Erfolgen beim Studium, eine Lehre fürs Leben im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waren unseren mehr oder weniger deutsch geprägten Umgebungen und Familien und dem Muff der Regierungsschulen entkommen und genossen nun die große Freiheit, fernab (16 000km entfernt in meinem Fall) der Heimat.

Gleichzeitig war es die Zeit des (politischen) Umbruchs in Südafrika und im südlichen Afrika überhaupt. In die eine oder andere Demo hatte ich meinen großen Zeh gehalten, nur um dann schnell verängstigt zurückzuziehen. Ich war ja auch viel zu naiv und unwissend. Wir waren so behütet aufgewachsen und betrachteten die Dinge mit großer Distanz. Erst Jahre später habe ich kapiert, was da um mich herum, direkt unter meiner Nasenspitze, passiert ist.

Wenn Menschen in einem System gefangen sind, drücken sie es oft in Musik aus. So auch Koos Kombuis. Rückblickend das Aushängeschild südafrikanischer Musik der 90er Jahre. Ich werde es nicht schaffen, Ihnen Koos Kombuis nahe zu bringen, höchstens den Mitlesenden mit einem südafrikanischen Draht, einen backflash zu bescheren. Koos Kombuis ist ein Künstlername. Koos ist ein Allerweltsname wie Peter. Kombuis heißt Küche. Koos Kombuis ist ein Dichter, ein Querdenker, ein Einzelgänger, ein ewig Leidender, ein Barfuß durch den Regen Gehender. Sensibel bis in die Fingerspitzen, ein Filter für die Umstände der damaligen Zeit. Er sang von dem und gegen das “System“. Nicht so richtig öffentlich, stand er doch unter Beobachtung wegen seiner kritischen Äußerungen. Aber auf kleineren Studentenkonzerten in Stellenbosch oder vornehmlich in verruchten, verrauchten Kneipen in Kaptstadt, wo der Rotwein in großen Saftgläsern ausgeschenkt wurde. Wir waren fasziniert von diesem damals noch dürren, ausgemergelten Mann, dem die schmuddelige Jeans um die Hüften schlabberte und der stets eine Wollmütze trug. Noch faszinierter waren wir, als ich ihn mehrfach in unserem Corner Cafe sah, wo er sich einen halben Liter Milch holte und an der Straße in einem Zug austrank. Er lebte in der gleichen Straße wie wir, da wo die Straße sich steil den Lion’s Head hochschlängelte…

Und nun kommt mein größtes Dilemma: Er hat ein wunderschönes Lied geschrieben, das genau diese Atmosphäre der späten Achtziger und frühen Neunziger in Kapstadt in sich hat. Und ich finde kein vernünftiges Video, das ich hier einstellen kann. Das Lied, “Lisa se Klavier”, ist für mich eines der schönsten Lieder überhaupt. Er steht in dem Lied auf Lisas Balkon, mit einem Aprikosentee in der Hand und schaut raus in die dunkle Kapstädter Nacht, den Tafelberg, das schwarze Meer, die Lichter in der Dunkelheit und Lisas Klavierspiel dringt hinaus auf die Straße, auf der die Obdachlosen (hier “Bergies” genannt, von wegen “die am Berg lebenden”) tanzen. Und Lisa kann nicht aufhören zu spielen. Wenn ich dieses Lied höre, stehe ich wieder auf dem Balkon in Tamboerskloof und schaue raus in die dunkle Nacht, auf den angestrahlten Tafelberg. Am nächsten Morgen werde ich geweckt vom durchdringenden Aufruf zum Gebet vom Signal Hill für das nahegelegene Malay Quarter. Und ich bin wieder 20 oder 21 Jahre alt und bin verwirrt vom Leben, verworren, habe alles vor mir und schon vieles hinter mir. Habe meine besten Freundinnen und Freunde, meine Menschen, die mir noch so viel bedeuten werden im Leben um mich herum und trotzdem - bin ich allein.

So gern ich hier eine schlechte Version von “Lisa se Klavier” posten würde - ich würde das schöne “Lisa se Klavier” raushören, aber nur, weil ich es eben kenne - hier nun ein aktuelleres von einem zur Ruhe gekommenen, fülligeren Koos Kombuis zusammen mit dem Niederländer Stef Bros. Sie hören Afrikaans und Sie spüren vielleicht ein wenig Afrika. “Avondland” (Abendland), die toekoms lê in Afrika. Die Zukunft lieg in Afrika.

Südafrikanische Musik (1)

Neue Kategorie!

Da die namibische Musikszene nicht wirklich etwas zu bieten hat, die südafrikanische aber dafür um so mehr, möchte ich hier zunächst eben jene südafrikanische Musik vorstellen. Musik war für mich immer sehr wichtig. Ich wurde gequält bin aufgewachsen mit James Last oder Marschmusik am Sonntagmorgen. Bei schweren Opernchören oder Ivan Rebroff blieb mir das Frühstücksei im Halse stecken. Damals tobten die Rollings Stones, Abba oder wenigstens die Beatles und manchmal frage ich mich, wieso das nicht bei meinen Eltern ankam. Dass diese Musik nicht bis nach Namibia durchdrang, ist keine Entschuldigung, viele Eltern meiner Freunde hegten ihre Stones Mukke. Mein Vater ist zwar bis heute ein Jazzfan, aber dazu gab es in Namibia keinen Zugang und er beschränkte sich auf die abendliche Jazzsendung im Radio, die mit seiner Duschzeit übereinstimmte. Auch eine tolle Kindheitserinnerung, der unter der Dusche Jazz dudelnde Vater…

Meine Patentante hatte in Walvis Bay ein Elektro Geschäft, spezialisiert auf Elektrotechnik der Fischereiindustrie, bzw. der Fischerboote, aber auch mit einer großen Schallplattenabteilung. Erstens gab es immer feine LP Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag. So hatte ich die ganze Bandbreite an Hanni und Nanni, Heidi, Huckelberry Finn, Black Beauty usw. zu Verfügung. Zweitens aber vor allem, habe ich in den Schulferien bei ihr im Laden gejobbt und kam so günstig an Musik. Auch meine Brüder haben ihr gesamtes Taschengeld in den Laden getragen und so hörten wir recht früh recht gute Musik und würgten fortan meine Eltern ab.

Meine Brüder sind vier und sechs Jahre älter als ich und haben ganz bestimmt meinen Musikgeschmack sehr geprägt. Mein großer Bruder führte mich in die Welt von Supertramp, Roxy Music und Alan Parsons Project ein seine Udo Jürgens Phase verschweigen wir jetzt mal. Mein jüngerer (aber dennoch älterer Bruder, Sie verstehen schon) war für die leichteren Sachen zuständig. Bob Marley, UB40 und Juluka werden mich immer an ihn erinnern.

Die neue deutsche Welle verfolgten wir im damals gerade ganz frisch gegründeten deutschen Radiosender und Hallo Klaus wurde die Entgleisung schlechthin mein Lieblingshit! Nein, dafür schäme ich mich jetzt nicht, ich habe ja irgendwann geschmackstechnisch die Kurve gekriegt… Wir haben ziemlich exakt die gleiche Musik gehört da unten im südlichen Afrika wie unsere Zeitgenossen hier oben in Deutschland. Nur beschränkte sich das bis Mitte der Achtziger Jahre halt aufs Radio und LP’s.

Ich fange in der jüngsten Vergangenheit an. Freshlyground hörte ich zum ersten Mal, als ich im März 07 in Namibia war. Hier gibt es eine gute Kurzbeschreibung der Band. Sie gewannen 2006 den MTV “Best African Act” Music Award in Kopenhagen. 2006 in Berlin, haben sie bei der Fussball-WM anlässlich der FIFA-Stabübergabe der deutschen an die südafrikanische Organisation, als kulturelle Vertreter des nächsten Veranstalterlandes, für die passende musikalische Untermalung gesorgt. Bestimmt werden sie auch den Hit für die Fußball WM 2010 in Südafrika liefern.

Großer Hit und vor allem in Italien sehr erfolgreich war Doo Be Doo, ein Ohrwurm schlechthin, den meine Kinder sehr lieben. Ich bevorzuge die ruhigeren Stücke auf der CD Nomvula. Was mich an der Musik fasziniert ist, dass sie nicht mehr so aggressiv afrikanisch ist, wie die Bands zur Zeit der Apartheid. Die Musik aus der Apartheids Ära konnte sich einem, mit ihren politischen Texten, ganz gut aufs Gemüt legen. Auch wenn diese Musik sehr wichtig war und auch sehr gut. Ich werde darauf in spätere Beiträgen eingehen. Freshlyground jedenfalls ist zwar afrikanisch folkloristisch geprägt, aber entspricht dem aktuellen positiven Zeitgeist Südafrikas. Zudem ist die Band ein Mix aus schwarz und weiß, die Sängerin, Zolani Mahola, ist farbig, anders könnte es auch gar nicht sein. Sie halt solch eine Leichtigkeit in der Stimme, die typisch ist für die dunkelhäutige Unbeschwertheit.

Hier ist ihr aktueller Hit “Potbelly”. Potbelly ist ein Bierbauch, eine Wampe. Besungen werden Potbelly, weiche, dicke Oberarme und fette Oberschenkel - die “good loving” geben. Und das sollten wir uns hinter Ohren schreiben, oder? Da ist er nämlich, der positive südafrikanische spirit. Hüftschwingend und fröhlich, trotz ein paar Kilos zu viel.

Haben Sie einen wunderschönen Tag!

Ihre Potbelly-DüneSieben